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Rede von Hermann Schaus


Geschäftspolitik der Telekom: "Arbeitsplätze gefährdet"

Zur Aktuellen Stunde der Fraktion DIE LINKE betreffend "Unverantwortliche Geschäftspolitik der Telekom - keine Schließung der Call-Center"

Zur Aktuellen Stunde der Fraktion DIE LINKE betreffend "Unverantwortliche Geschäftspolitik der Telekom - keine Schließung der Call-Center":

 

Herr Präsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

meine Fraktion hat mit der vorliegenden aktuellen Stunde einen Entschließungsantrag verbunden, der sich mit der akuten Gefährdung von 350 Arbeitsplätzen in den hessischen Regionen Kassel und Gießen auseinandersetzt. Denn, meine Damen und Herren, Politik hat die Aufgabe, die mit diesen 350 Arbeitsplätzen verbundenen 350 Schicksale, plus die Schicksale der betroffenen Familien, nicht sich selbst, nicht den freien Kräften des Marktes und auch nicht der in diesem Fall höchst unsozialen Beschäftigungspolitik der Deutschen Telekom zu überlassen. Politik hat vielmehr die Aufgabe, sich für die Menschen so einzusetzen, dass für die betroffenen Regionen sowie für jeden Einzelnen der Verlust von Arbeitsplätzen verhindert werden kann, sofern es irgend möglich ist. Dass dies bei entsprechendem Willen der beteiligten Akteure möglich wäre, will ich hier kurz aufzeigen.

Zunächst kurz der Blick auf die Ursache des Problems: Per Vorstandsbeschluss der Deutschen Telekom sollen 83 Call-Center in bisher 63 Städten in Deutschland auf nur noch 24 Standorte reduziert werden. Hiervon betroffen sind auch die Call-Center in Kassel und Giessen mit insgesamt 350 Beschäftigten. Die Telekom spricht in diesem Zusammenhang aber nicht von Kündigungen, sondern davon, die Beschäftigten aus Kassel und Giessen künftig einfach in Fulda und Eschborn einzusetzen. Dies ist blanker Zynismus!

Denn von den 350 Beschäftigten sind über 70% Frauen, ein Großteil davon aus familiären Gründen in Teilzeitbeschäftigung. Dazu gibt es eine hohe Quote an Schwerbehinderten, weil die Tätigkeit in Call-Centern Schwerbehinderten immerhin eine Beschäftigungsmöglichkeit bietet. Bei diesen Beschäftigten, ich sage dies nochmal, überwiegend Frauen mit Familie und einem überproportionalen Anteil an Schwerbehinderten, von einem Angebot zu sprechen, wenn sie künftig zwischen 2-4 Stunden Fahrtweg zum Arbeitsplatz und wieder zurück in Kauf nehmen sollen, ist schlicht und ergreifend unmöglich!

Wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nur zu unanehmbaren Bedingungen weiter beschäftigt werden sollen, dann handelt es sich um Kündigungen durch die Hintertür und um das Anlegen von Daumenschrauben, bei gleichzeitigem Aufsetzen einer Unschuldsmiene. Und gegen ein solches Spiel mit dem wirtschaftlichen Schicksal von Menschen muss sich der Landtag entschieden aussprechen!

Es gibt auch gar keinen Grund, warum Call-Center Gespräche von einem anderen Ort aus besser zu führen wären. Denn Anrufe können an jeden Arbeitsplatz in Deutschland geroutet werden. Die Präsenz in der Fläche wäre ja aufgrund einer größeren Kundennähe und einer höheren Mitarbeiterzufriedenheit sogar eigentlich ein unternehmerisch ein Vorteil. Bekannt ist auch, dass die Produktivität und Qualität in kleineren Call-Centern höher ist als in größeren. Dass nun trotzdem 350 Menschen 2-4 Stunden täglich pendeln sollen, um in größeren, weit entfernten Call-Centern zu arbeiten, ist also arbeitsökonomisch, sozialpolitisch, unternehmensperspektivisch und auch ökologisch so unsinnig, dass wir nach den eigentlichen Gründen der Telekom-Beschäftigungspolitik suchen müssen.

Verständlicher wird das sogenannte Angebot erst, wenn man weiß, dass die Call-Center in Eschborn und Fulda überhaupt nicht die Kapazitäten besitzen, weitere Arbeitsplätze in dieser Größenordnung anzubieten, es sei denn, durch Ausbau, Anbau, oder Neuanmietung zusätzlicher Flächen. Der von der Telekom ins Feld geführte  wirtschaftliche Vorteil der Neustrukturierung kommt also nur zustande, wenn das Personal nicht mitgenommen, sondern abgebaut wird. Und weil diese Beschäftigten Kündigungsschutz genießen, erfolgt die Kündigung eben durch die Hintertür.

Verständlicher wird die Entscheidung auch erst dann, wenn man weiß, dass entgegen der Vereinbarung einer gemeinsam entwickelten Beschäftigungspolitik zwischen Konzernleitung und Betriebsrat, die Beschäftigten und Gewerkschaften von den Neu-Strukturierungen aus den Medien erfahren durften.

Und verständlicher wird die Entscheidung auch erst dann, wenn man weiß, dass die Telekom weiterhin großflächig aus den Tarifen ausweicht und bis Jahresende deutschlandweit über 6.000 Beschäftigte der Netzzentren in nicht tariflich gebundene Beschäftigungsgesellschaften auslagern möchte. Hiervon wären in Hessen weitere 1400 Beschäftigte an den Standorten Darmstadt, Heusenstamm, Fulda und Frankfurt betroffen.

Meine Damen und Herren der CDU und FDP-Fraktionen: Ich würde mir wünschen, dass auch sie sich hier und heute mit den tatsächlichen Problemen und Lebensbedingungen der Hessischen Bürgerinnen und Bürgern, bzw. von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auseinandersetzen würden, statt dieses Parlament unaufhörlich mit rechtspopulistischer Phrasendrescherei seiner hohen Verantwortung und Würde zu berauben.

Es ist nicht hinnehmbar, dass ein ehemals stolzes Staatsunternehmen, das der Privatisierung zugeführt wurde, in welchem die Bundesrepublik Deutschland aber nach wie vor der Hauptaktionär ist, ihre verfehlte Kunden- und Geschäftspolitik auf dem Rücken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer austrägt.

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